Das Problem heißt Rassismus

Nun schon seit Monaten geht es durch die Medien, die Thematik der Geflüchteten. Sie kommen aus Syrien, anderen (nord-)afrikanischen Staaten oder dem Balkangebiet nach Deutschland. Die Aneinanderreihung menschlicher Katastrophen, Polarisierung und Meinungsmache, die inzwischen geschehen ist, verlangt nach einer kritischen Betrachtung der Situation.

Wo soll man anfangen, wenn man nach all dem gesellschaftlichen Ziehen und Zerren um die Geflüchteten selbst etwas dazu sagen möchte?
Ein kurzer Rückblick:
Zum ersten Mal kam das Thema Ende 2014 auf. Schlagworte wie Hogesa und Pegida fallen einem ein. Gegenwärtig hört man täglich von Geflüchteten, die in Lastern erstickt, im Mittelmeer ertrunken sind, ihre Familie im Krieg verloren haben – ein Ende scheint nicht in Sicht. Die Kanzlerin findet keine klaren Worte (würde ja auch mal eine gewisse Abwechslung darstellen…). Asylheime in Heidenau, in Nauen, in Freital etc. werden Ziel rechter Anschläge; Sigmar Gabriel bezeichnet den Heidenauer Pöbel als „Pack“, und immer fühlt es sich auf ungute Weise danach an, als ob die Regierung einfach zu lange beide Augen zugedrückt hat in Bezug auf die rechte Anschauung, die sich nun präsentiert.
Laut solchen Stimmen sind das ja eh alles nur ‚Wirtschaftsflüchtlinge‘, die hier als Sozialschmarotzer ein schönes Leben fristen und noch den Wurzeldeutschen die Arbeitsplätze „wegnehmen“ werden. Natürlich wird, wenn man ganz logisch über die Sache nachdenkt, ein Syrer, der vor Beginn des dortigen Krieges einen  Lebensstandard auf dem Niveau der deutschen Mittelschicht hatte, das Leben hier als Nonplusultra empfinden und hätte sich für seine Zukunft nichts Angenehmeres vorstellen können, als nunmehr perspektivlos in einem überfüllten Asylbewerberheim auf seinen Asylbescheid zu warten. (Nochmal zum Drucken: Das hier ist Ironie.)
K.I.Z. formulierten das ebenfalls sehr treffend:

„Der Lynchmob ist krank vor Neid
Auf das 5-Sterne-Hotel im Asylantenheim
Der Lynchmob hat keinen Cent im Portemonnaie
[…]
Denkt ihr, die Flüchtlinge sind in Partyboote gestiegen
Mit dem großen Traum, im Park mit Drogen zu dealen?“

Spricht, denke ich, für sich. Der Vorwurf, den Geflüchteten ginge es hier ach-so-gut und sie würden zudem gezielten Arbeitsplatzraub betreiben, wird allein durch eine EU-Verordnung entkräftet, welche vorsieht, dass jemand, der in einem EU-Staat Asyl sucht, frühestens nach drei Monaten legal einen Job annehmen kann, und das auch nur, insofern kein Europäer bzw. ein jeweiliger Staatsbürger sich darauf bewirbt – wofür zudem eine aufwendige Nachweispflicht besteht. Und auch über die hierzulande als Wirtschaftsflüchtlinge verschrieenen Südosteuropäer, sollten wir noch einmal nachdenken. Welcher Mensch will sich ein halbes Jahr ein Paar Schuhe vom Mund absparen müssen, wenn er sieht, dass es auch anders geht? Ich zumindest nicht. Sowohl bei solchen, die vor Krieg, als auch bei jenen, die vor Armut flüchten, ist es Existenzangst, die sie treibt. Wenn man nichts hat, kann es nur besser werden – logischerweise lohnt es sich, für diese Hoffnung sein Leben zu riskieren, sein gesamtes Hab und Gut zu verkaufen und sich profitgierigen Schleppern zu überverantworten. Was im Anschluss leider oft die traurige Folge ist, hört man in den Nachrichten.

Bewundernswert ist auch, dass die Geflüchteten den Mut aufbringen, nach Deutschland zu kommen, wo die Haltungen sich inzwischen immer stärker polarisieren; doch der Fremdenhass hier ist anscheinend ein geringeres Übel im Gegensatz zu den Verhältnissen, die in ihrer Heimat herrschen.
Die nächstliegende Frage ist im Anschluss: Woher kommt dieser scheinbar plötzlich auftretende rechte Mob? Wieso kann sich eine rechte Zelle frei im Land bewegen und das Leben von Menschen gefährden?
Vielen Mitläufern bei den Aktionen gegen Geflüchtete sieht man ihre Angst an: Angst, dass sich ihr eigenes Leben ändert, Angst vor unbelegten Gerüchten wie einer Schwemme von Verbrechern und Vergewaltigern, die „ihr“ schönes Deutschland verwüsten, Angst, dass sie politisch gesehen nun völlig zu kurz kommen.
Warum diese Angst? Weil die Bundesrepublik und ihre Politiker es in dieser Frage gründlichst versäumt haben, a) über das Thema  aufzuklären und b) selbst viel zu spät konkrete Reaktionen gezeigt haben. Menschen haben Angst vor Ungewissheit, und die Zukunft in Deutschland und der EU ist derzeit definitiv ungewiss. Das Problem dabei ist, dass keine Regierung bisher einen durchorganisierten Plan für die Aufnahme von Geflüchteten entwickelt hat. Vielleicht lässt sich so auch nachvollziehen, warum Leute bei irgendwelchen rechten Hetzveranstaltungen wie Pegida mitlaufen, obwohl sie sich selbst niemals als „Rassist“ oder „Nazi“ bezeichnen würde. Bestimmt gibt es immer die Leute, die stolz darauf sind, Neonazi zu sein und auch zu heißen. Das war auch schon vor der ganzen Sache so, und bei diesen menschenverachtenden Unbelehrbaren hilft auch Reden nicht mehr viel.
Aber bei all den anderen, die ihren Fremdenhass und ihre Existenzängste unter dem Deckmantel des „Patriotismus“ ausleben, würde schon reichen, wenn endlich eine klare Stellungnahme mit Daten, Zahlen, Fakten als Pflichtlektüre veröffentlicht werden würde, um sie zu beschwichtigen und die gesamte Situation zu deeskalieren. Denn was man auf keinen Fall vergessen darf, ist, dass Geflüchtete vor allem zuerst eines sind: Menschen. „Flüchtling“ ist ein Status, ein Titel, der dem Menschen dahinter seine Kompetenzen abspricht und seine menschlichen Qualitäten in den Schatten stellt. Sich dies bewusst zu machen, auch dass ein jeder, der hier lebt, in ihre Lage kommen kann, also dass er aus seiner Heimat fliehen muss, ist wichtig. Denn es erzeugt die nötige Empathie, welche den Rechtsruck der Gesellschaft bremst.

Wir alle stehen in der Pflicht, unsere eigene Moral zu reflektieren – und die gedankliche Trennung zwischen „denen“ und sich selbst, worin schon mitschwingt, dass man nichts mit ihnen gemein haben will, dass man sich auf eine Art als „besser“ versteht, trägt nichts zur Lösung des Konflikts bei.
Ich sage: Hoch die Solidarität! Menschen sollten anderen Menschen helfen. Wer dies aufgrund der Nationalität oder Religion des Hilfsbedürftigen nicht tut, verletzt im Prinzip sogar das Grundgesetz. Ganz davon abgesehen ist es eine Frage der Humanität, und wer auch noch stolz darauf ist, diese mit Füßen zu treten, dem ist leider selbst nicht zu helfen.
Zum Abschluss möchte ich euch, wenn ihr bis hier immer noch dabei seid, noch das Video der allseits bekannten Moderatoren Joko Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf ans Herz legen, da ich voll und ganz hinter dem darin vertretenen Statement stehe.