Pegida – die deutsche Mitte?

Was genau will diese Bewegung, die im Dezember in Dresden ihren Ursprung nahm, und nun Montag für Montag bundesweit für Kontroverse sorgt? Die von den einen als „Nazis in Nadelstreifen“ und von den anderen als wahre Volksvertreter bezeichnet werden? Wie soll man damit umgehen, und inwieweit sind ihre Motive gerechtfertigt? Eine Antwort.

Pegida ist ein Akronym, es steht für „Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“. Die Frage ist, wer sind diese „patriotischen Europäer“? Und von welcher Islamisierung redet man hier überhaupt?
Denn die ‚Ausländer’quote liegt in Sachsen allgemein nur bei zwei bis drei Prozent, von denen wiederum nur der geringste Anteil einen muslimischen Hintergrund hat (konkret leben dort weniger als fünfhunderttausend Muslime). Diese Logik ist einfach nicht schlüssig, doch woher kommt dann diese Stimmung in der Bevölkerung? Es ist die Angst vor dem Unbekannten, die viele der Pegida-Anhänger treiben mag.
„Ausländer nehmen uns die Arbeitsplätze weg!“ – „Und am Ende wollen die hier einen Gottesstaat errichten, oder was?“ – „Alles Terroristen!“ – „Die sind doch alle kriminell mit ihren Drogen und was nicht noch allem…“ – „Die sind doch alle gemeingefährlich.“
Solche oder ähnlich gering durchdachte Aussagen, also schlichte Vorurteile, geben die landläufige Haltung wieder, und sei es nur am Stammtisch in der Kneipe nach dem einen oder anderen Bier. Diese Äußerungen sind diffus, sie lassen schließen auf die Angst, von der sie verursacht wurden: um den Arbeitsplatz, um die Wohnung, um die Existenz; im Grunde ist es der Wunsch, dass alles so bleibt, wie es ist – der Wunsch, sich nicht mit gesellschaftlichen Veränderungen auseinandersetzen zu müssen. Warum? Der Einfachheit halber. Dass dabei im Prinzip Rassismus, Islamophobie und Fremdenfeindlichkeit propagiert werden, d.h. dass die vertretene Intoleranz die Gesellschaft im Großen und Ganzen untergräbt und schwächt, spielt nur noch eine untergeordnete Rolle. Das ist brandgefährlich: Was sich entwickeln kann, wenn Minderheiten unterdrückt werden, hat man in der Geschichte oft genug gesehen.
Die Formulierung dieser Meinungen durchzieht zudem ein menschenverachtender Ton: „Die…“  Die Fremdenfeindlichkeit zeigt sich hier schon in der Weigerung, Ausländer oder selbst solche, die hier geboren und aufgewachsen sind, die deutsche Papiere haben, aber nicht in das vermeintliche Schema eines „Deutschen“ passen, als Menschen anzuerkennen. Auch dieser Ansatz zur Dehumanisierung erinnert erschreckend an ein Kapitel der Geschichte, das man eigentlich als beendet ansieht: Doch anstatt des Judentums wird jetzt eine andere Religion, der Islam, verteufelt, und ihre Anhänger werden zu gesellschaftlichen Außenseitern gemacht, obwohl es dafür keinerlei Anlass außer unklarer Angst vor Veränderung gibt.
Nun könnte man sagen: „Aber es gibt doch Terroranschläge und die wurden von Muslimen verübt, so wie in Paris!“ Diese Terroristen, denn nichts anderes waren diese Männer, verschlechtern den Ruf des Islams noch weiter, denn in vereinfachter Sicht (welche die Pegida grundsätzlich bemüht) wird Islam mit Islamismus gleichgesetzt. Dabei wird das Wichtigste vergessen: Terror hat keine Religion. Genau wie im Christentum ist das Töten eines anderen Menschen im Islam verboten. Kein Muslim muss sich für die extremistischen Gewalttaten islamistischer Terrororganisationen wie Al-Quaida, ISIS, der Taliban oder Boko Haram rechtfertigen, denn seine Religion ist deren Grundsätzen nicht näher als die christliche.
Pegida ist auch ein Protest gegen die vermeintlich „zu lasche“ Asyl- und Einwanderungspolitik der Bundesregierung. Dabei wird der Gedanke transportiert, dass jeder Flüchtling und jeder Migrant im Grunde nur ein Sozialschmarotzer ist, der vom deutschen System profitieren will. So eine Idee kommt erst dann auf, wenn es keine Transparenz gibt, keine Aufklärung, kein Wissen um den wirklichen Zustand (der derzeit eher das Gegenteil darstellt; ein Asylbewerberheim ist alles andere als ein 5-Sterne-Hotel). Diese Problematik könnte die Regierung durchaus angehen, doch das hieße, Kampagnen und Geldmittel zur Verfügung stellen, und vor allem, tatsächlich zu handeln. Ein Aufschrei geht durch die Politikwelt, sobald tatsächlich jemand bereit ist, mit der Pegida-Bewegung in einen Dialog zu treten.Was ankommt, ist: Die Politik will nicht das Volk vertreten, sondern ihre eigenen Interessen durchsetzen. Das bestärkt natürlich eine Bewegung, deren Anhänger von der Politik vernachlässigt wurden.
Pegida ist ein bisher demokratisches Interesse – wenn die NPD zu rechts und die CDU nicht rechts genug ist, d.h. es davor keine politische Vertretung der Interessen gab, muss sich zwangsläufig ihre Mitte bilden. Es ist auch kaum verwunderlich, dass die AfD sich auf die Seite der Pegida stellt, da diese nur auf andere Art und Weise gewisse nationalistische, pardon, patriotische Ansätze verfolgt. Patriotismus und Nationalismus sind eng miteinander verbunden, wo ersterer besteht, ist letzterer nicht weit. Doch es bringt rein gar nichts, die Pegida und ihre Forderungen zu ignorieren, sich grundsätzlich dagegenzustellen und sie als einen extremen Auswuchs abzutun, dem kein Gehör geschenkt werden sollte. Dialogbereitschaft, argumentative Klarheit, Logik und Transparenz sind die Schlüsselwörter im Umgang mit der Pegida, ihren Zielen und ihren Ansätzen. Denn letztendlich ist es möglich, jedes der von ihren Anhängern angeführten Argumenten zu widerlegen – mit Zahlen und Daten, mit simplen Fakten, denn es sind eben nicht nur die Stammtisch-Neonazis ohne Schulabschluss, die man in der Menge sieht, sondern viele Mittelschichtler, die im Grunde intelligent genug sind, Toleranz zu erlernen.
Diffusität tritt man am besten entgegen, indem man genau nachfragt. ‚Was sind überhaupt deine Befürchtungen, dass du Pegida befürworten kannst?‘, wäre eine Möglichkeit, dies zu tun.
Und vor allem: Ignoranz ist in dem Fall Zustimmung, und nutzt man nicht, genau wie die Pegida-Anhänger, sein Recht zur freien Meinungsäußerung, dann wird man es im Extremfall irgendwann nicht mehr haben.